Ja, Sie haben sich nicht versehen Meine Katze liest! Sie liest viel, gern und absolut fehlerfrei. Natürlich liest sie weder Buchstaben, noch Bücher und auch keine Zeitungen, Die Zeitung benützt sie höchstens als Unterlage, währenddem ich sie lesen will.
Meine Katze liest MICH. Und darin hat sie so etwas wie Meisterschaft erreicht. Sie weiss schon dem Klang meiner Schritte nach, was ich als nächstes tun werde. Vielleicht weiss sie es sogar schon, bevor ich es weiss. Denn auch das Zögern von mir kann sie einordnen, dann ist es für sie Zeit, ihre Anforderungen intensiver zum Ausdruck zu bringen. Sie erkennt an meiner Stimme meine Tagesform, und ob ich bereit bin, jetzt mit ihr zu spielen oder sie abwimmle. Sie realisiert, ob es sich lohnt zu insistieren oder ob alle ihre Bemühungen vorerst für die Katz sind.
Meine Katze liest mich sogar besser als ich sie. Denn wer ein Haustier hat weiss, dass es unerlässlich ist, auch sein Tier lesen zu können. Sonst kann es leicht auch einmal gefährlich werden. Das Tier wird perfekt zum Ausdruck bringen, ob es zufrieden, gestresst, verärgert, ist oder sonstige Bedürfnisse hat. Meine Katze zum Beispiel hat ein unendliches Repertoire an Miau-Melodien, die sie einsetzt. Liegt sie zum Beispiel auf meinen Knien, gurrt sie zusätzlich zum Schnurren. Das ist ein Ausdruck höchster Zufriedenheit. Legt sie die Ohren an und zieht die Schnauzhaare nach hinten, dann mache ich etwas grundlegend falsch. Zupft sie mich am Bein heisst das: ’Aufhören und zwar subito’. Das kommt vor, wenn ich Klavier spiele. Tue ich ihr den Gefallen nicht, signalisiert sie mir, dass sie augenblicklich ins Freie gelassen werden muss. Sie hätte zwar ihre private Tür, aber ich soll ja begreifen, dass ich sie massiv nerve. Kopf draussen, Leib drinnen heisst wohl, dass sie lieber drinnen wäre, aber durch mein Tun gezwungen ist, draussen zu bleiben. Drehe ich den Klavierstuhl von den Noten weg, um nach ihr zu sehen, dann interpretiert sie richtig: sie hat in diesem kleinen Willenskampf den Sieg davongetragen. Einmal mehr.
Marianne Kunz-Jäger