Von wegen Katzen, die Mäuse jagen! Das war einmal!
Die neuen Katzen sind Generation Whiskas, toll versorgt mit Wunschkost à Discrétion. Meine Chouchou gehört dazu. Dabei tummeln sich im Garten Heerscharen von Mäusen. Sie müsste nur die Pfote ausstrecken, dann würde an jeder Kralle eine baumeln. Aber Whiskas ist bequemer. Vorgegart, mit Sauce angereichert, das schmeckt der heutigen verwöhnten Katzengeneration. Ich wette, Chouchou, ein Tierheimtier, fing noch nie eine Maus!
Gestern entdeckte ich einen frisch gegrabenen Mäusegang. Die Erde lag noch in einem Häufchen obenauf. Ich scharrte sie mit dem Fuss weg – das wäre eigentlich der Job meiner Katze, deren Nase extrem fein ist. Sie schnupperte nur am Loch und wandte darauf den Blick hinauf zum Himmel – in sehr entfernter Ahnung von etwas, das sie vielleicht wissen sollte – und lief weg.
Sie lief ins Haus zurück und stellte sich fordernd vor den leeren Napf. Der war tatsächlich leergefressen, aber nicht etwa von ihr selbst. Streuner Nemo, dick und gefrässig, hatte beim Vorbeigehen den offenen Türspalt entdeckt und sich an Chouchous Whiskas gütlich getan.
Natürlich ist es angenehm, wenn die eigene Katze nicht mit toter oder halbtoter Beute nach Hause kommt. Wenn sie lieber bei ihren Menschen im Bett schläft statt auf Pirsch zu gehen. Es muss mir niemand mehr vormachen, alle Katzen seien Jägerinnen. Wenn schon die Mutterkatze gut gefüttert ist und nicht mehr auf Beutezug geht – wie soll sie es denn ihren Jungen beibringen? Und wenn sie dort, wo sie zu Hause ist, gar nie mit Mäusen in Kontakt kommt? Es ist wie beim Menschen: Wissen verkümmert, wenn man es nicht anwenden muss.
Und so fressen denn Chouchou, Nemo, Muli und wie sie alle heissen, lieber am Napf, wo bereits alles schön sauber filetiert und ganz ohne lästige Knochen hergerichtet ist. Ein leises Miau genügt – und schon bekommt jedes Büsi seine Wunschkost. –
Mausen muss ich selber. Ich bin damit hoffnungslos überfordert. Das kann ich Ihnen versichern.
Marianne Kunz-Jäger